Die Pupille

Einige Episoden in der wechselvollen Geschichte des Frankfurter Unikinos liegen kinotypisch im Dunkeln. Die Anfänge jedoch sind sicher überliefert. Vor einer Rekordkulisse von über 2000 Studierenden wurde am 17. Dezember 1951 ein Film über einen Ausflug mit Bootstour an den Rhein gezeigt. Dieser war im Rahmen des damaligen Universitätsfestes von Frankfurter Studierenden selbst gedreht worden. Beflügelt von der überwältigenden Resonanz gründeten die Macher das FILMSTUDIO, in dem Studierende kurze 16mm-Semesterschauen (die später namensgebenden Pupillen) planten, drehten, schnitten, vertonten und nach Fertigstellung auch zeigten. Damit legten die Studierenden von damals den Grundstein für eine Kinogeschichte an der Goethe-Universität, die sie so mit Sicherheit nicht vorhersahen. Während das Filmemachen elementarer Bestandteil der Gründungsphase des FILMSTUDIO war, rückte nach und nach das Programmieren von Filmen auf die Tagesordnung, besonders nachdem mit Eröffnung des Studierendenhauses im Juni 1953 eine feste Spielstätte bereit stand. Zusätzlich zu den Pupillen wurden Filme wie Der Untertan oder Kinder des Olymp zu echten Kassenschlagern.

Eine neue Generation von Filmenthusiasten nahm 1973 den Spielbetrieb im Festsaal über dem KoZ wieder auf und nannte das Kino nun PUPILLE (nach den gleichnamigen Semesterschauen der 1950er Jahre). Der Fokus neugegründeten Vereins lag im Gegensatz zu seinem FILMSTUDIO-Vorgänger auf der reinen Vorführung von Filmen, mit monatsweise wechselnden Programmschwerpunkten und Engagement in ästhetischen und politischen Avantgarden. Die PUPILLE etablierte sich so schnell als Forum für den »kritischen Film« und zahlreiche Erstaufführungen. Zusammen mit der Harmonie und dem Innenstadtkino Olympia war sie auch als Aufführungsort des Neuen Deutschen Films bekannt. Neben all den »anspruchsvollen« Werken lud die PUPILLE aber immer wieder zum gemütlichen Mitternachtskino mit Titeln wie dem Reggae-Kultfilm The Harder They Come ein - damals auch noch ohne Rauchverbot. Auf dem Höhepunkt ihrer Aktivität spielte die PUPILLE teils sechs Tage die Woche und zwei Filme pro Abend.

In den 1980er Jahren gesellte sich zur PUPILLE der Verein SCHöNE NEUE WELT E.V. hinzu, das Programm wurde noch politischer. 1981 bekam man sogar den Frankfurter Kinopreis für das risikofreudige Programm verliehen. Feuerpolizeiliche Auflagen machten 1983 dem Spielbetrieb im Festsaal ein Ende. Mit immensem personellen Aufwand wurde einmal im Semester das von der Uni genutzte ehemalige Kino Camera in der Gräfstraße umgebaut, um ein bis zwei Wochen lang Film- und Diskussionsreihen zu veranstalten. Neben dem regulären Programm und der Etablierung des Open-Air-Kinos wurde von den Macherinnen und Machern Großes geplant. Jedoch kam es nach einigen Auseinandersetzungen um die Finanzierung schließlich zum Bruch mit der Stadt, und die Pläne, das alte Kino Camera in der Gräfstraße als zweites kommunales Kino wiederzubeleben, scheiterten. Auch der Filmverleih, der seinen Schwerpunkt auf außereuropäischen Filmen haben sollte, blieb ein Traum.

Zwischen 1992 und 1997 mussten die Akkus der PUPILLE neu geladen werden. Dann bot die Wiedereröffnung des Festsaals einer neuen Gruppe Kinobegeisterter die Möglichkeit, am Ursprungsort Kino in der Uni zu veranstalten. Vom ehemaligen Jugendkino aus dem Zoogesellschaftshaus konnten zwei klassische Bauer-35mm-Projektoren (B11, Baujahr 1956) erworben werden, die auch heute noch im Spielbetrieb sind. Die damalige Konzeption und Organisationsstruktur ist noch heute gültig: hohe Programmautonomie für jedes Pupillemitglied, eine Mischung aus Kult- und Klassikerfilmen sowie bemerkenswertem Gegenwartskino und engagierten Kunstfilmen. In den Jahren 2012–2014 wurde dieses «vielfältige, mutige und neugierig machende Kinoprogramm« mit dem Hessischen Kinokulturpreis für nicht gewerbliche Kinos ausgezeichnet.

Die Digitalisierung hat auch vor der Pupille keinen Halt gemacht. Seit Dezember 2014 steht ein 4K-Projektor im Vorführraum. Mit der neuen Technik ist es uns nun endlich wieder möglich, aktuelle Filme zu zeigen und damit unserem Publikum ein vielseitiges Programm zu bieten, wobei für ältere Filme und Archivkopien nach wie vor sowohl unsere 35mm-Projektoren als auch der 16mm-Projektor, den wir dem Mal Seh’n Kino verdanken, zum Einsatz kommen.